Mehr als Hintergrundgedudel: Musik in Computerspielen

Mehr als Hintergrundgedudel: Musik in Computerspielen

Die Generation Y und Z, wie die Bevölkerungsgruppen genannt werden, die zwischen Anfang der 80er und Mitte der 2000er geboren wurden, entspannt nicht nur vor dem Fernseher, sondern gerne auch mal mit einem guten Computerspiel. Um den hohen Ansprüchen der Digital Natives gerecht zu werden, ist die Gamingbranche in den vergangenen Jahrzehnten kreativ geworden. Computerspiele haben eine beeindruckende Entwicklung gemacht und nicht nur inhaltlich, sondern auch im Hinblick auf die Grafik und die Soundeffekte enorm dazugelernt. Musik hat in Computerspielen schon immer eine wichtige Rolle gespielt, denn ohne die passende akustische Untermalung kommt selbst im besten Adventure wenig Stimmung auf.

Mario

Vom Synthie-Chip zum Soundtrack

Das Computerspiel als Unterhaltungsmedium hat seine Geburtsstunde in demselben Jahrzehnt wie die Generation Y. In den 80er Jahren wurden Computerspiele für die breite Masse zugänglich und konnten einen Siegeszug antreten, der bis heute anhält. Sowohl grafisch als auch soundtechnisch können die Computerspiele von damals heutigen Gamern nur ein amüsiertes Lächeln entlocken, auch wenn manche von ihnen inzwischen Kultstatus haben.

Die ersten Sounds in Computerspielen wurden durch einen Synthie-Chip erzeugt, der noch wenig melodiöse Hintergrunduntermalung hervorbrachte. Ein echter Pionier seiner Zeit war der berühmte Commodore C64, der heute noch Kultstatus genießt. Der Soundchip des C64 enthielt einen dreistimmigen, analogen Synthesizer, der die klassischen Piepsgeräusche produzierte. Dieser typische Sound wird von Gamern heute Chiptune genannt und ist Kult. Als Klingelton für das Smartphone oder als Soundeffekt am PC erklingt der Synthie des C64 heute noch. Ein typisches Merkmal der Computersounds aus der C64-Zeit ist das Cartoon-Feeling, das die einfachen Tonsequenzen in Kombination mit Soundeffekten für Schritte, Sprünge, Schläge, Schüsse und Geräusche rund um Sieg und Niederlage entstehen ließen. Die klassische Kulisse von Zelda, Super Mario und anderen Spieleklassikern dieser Zeit haben Gaming-Fans heute noch im Ohr.

Im Alltag sind wir überall von Musik umgeben. Ob aus dem eigenen Kopfhörer, dem Autoradio oder über den Lautsprecher in der Bahn, im Kaufhaus und im Wartezimmer beim Arzt, überall erklingen Töne. Musik als Ergänzung zum Bild war schon immer eine wichtige Komponente. Im Fernsehen oder auf der großen Kinoleinwand geht ohne Musik einfach gar nichts. Gleiches gilt für Computer- und Handyspiele. Die Töne transportieren Stimmung und beeinflussen die Wahrnehmung des Zuschauers auf der akustischen Ebene.

Dabei unterscheiden sich die Arten der musikalischen Untermalung aber grundlegend. Kompositionen für Tonträger und Streamingdienste haben andere Charakteristika als Film- und Fernsehmusik und sie alle unterscheiden sich stark vom Soundtrack für ein Computerspiel. Andreas Kolinski, Medienkomponist, Produzent und Dozent an der Musikhochschule in Düsseldorf, geht im Gespräch mit dem Deutschlandfunk auf die besonderen Eigenschaften ein, die ein guter Spielsoundtrack mitbringen muss:

Wenn man sich mal die Musikkomposition einmal anguckt: Da gibt es die Komposition für iTunes, für CDs und Langspielplatten früher. Das ist die eine Sache. Da komponiert man linear, wie man sagt. Man komponiert auch linear für Filme, also Filmmusik. Ganz ähnlich. Aber es gibt hier eine weitere Komponente, eben das Bild. Das Computerspiel ist dann die dritte Art und Weise. Der grundsätzliche Unterschied ist, dass man die Dramaturgie der Musik an den Spieler abgibt. Die Musik reagiert auf den Spieler.“

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Während die Handlung in Filmen und Fernsehserien vorgegeben ist und die Musik sich als stimmungstransportierende Komponente in jede einzelne Szene einbetten lässt, stellt ein Computerspiel den Medienkomponisten vor eine besondere Herausforderung. Es bleibt dem Spieler überlassen, in welcher Reihenfolge sich Szenen aneinanderreihen, welche Begegnungen sich ereignen, welche Interaktionen stattfinden und wann der Wechsel in einen anderen Spielmodus erfolgt.

Das macht die Hintergrundmusik für ein Computerspiel so komplex. Sie ist ein empfindliches Zusammenspiel aus reinen Soundeffekten, wie Hufgetrappel, Schussgeräuschen oder Wetterphänomenen, thematischer Hintergrundmusik für die Umgebung und musikalischer Themes, die das Auftreten einzelner Charaktere begleiten, sowohl des Spielercharakters selbst als auch der Charaktere, denen er auf seiner Reise durch das Spiel begegnet. Damit sich ein stimmungsvolles akustisches Gesamterlebnis entfalten kann, müssen feinste Nuancen berücksichtigt werden. Tritt der Spielercharakter beispielsweise in den Kampf ein, nimmt die akustische Begleitung der Kampfhandlung den meisten Raum ein. Trotzdem bleiben die Themes, die die Region charakterisieren, ebenso im Hintergrund präsent wie die Begleitmusik einzelner Spielfiguren.

Der Soundtrack eines Computerspiels unterscheidet sich damit grundlegend von reiner Filmmusik, die sehr linear eingesetzt werden kann. Er ist ein kunstvolles Geflecht aus Soundpartikeln, die interaktiv auf den Spieler reagieren und sich immer wieder zu einer neuen Gesamtkomposition verbinden. So entsteht die perfekte Ergänzung zur Spielgrafik, durch die wir uns immer wieder gerne in virtuelle Welten entführen lassen.

Ohne Musik keine Stimmung

Die nächste Generation der Klangerzeuger am PC waren Soundkarten, deren Technologie auf FM-Synthese und PCM-Samples basierte. Von ingame abgespielten Audiodateien war diese Technologie aber auch noch weit entfernt. Die Hintergrundmusik lieferten MIDI-Dateien, die die computerinterne Soundkarte abspielte. Mit der Weiterentwicklung von Prozessoren und Speicherkapazitäten gelang der Sprung zur Audiodatei, die in das Spiel selbst integriert werden konnte. Damit war der Grundstein gelegt für die aufwendigen Computersoundtracks der heutigen Zeit.

Automatenmusik hat sich besonders gewandelt

Einen besonders langen Weg hinsichtlich der Soundeffekte haben Automatenspiele hinter sich. In den Anfängen der elektromechanischen Spielautomaten um 1960 gehörte das typische Piepen und Klingeln zu jedem einarmigen Banditen oder Flipper dazu. Auch heute noch erfreuen sich die Spielautomaten mit den einladenden Licht- und Toneffekten in den großen Spielbanken und kleineren Spielhallen großer Beliebtheit.

Ein wahrer Quantensprung gelang den Automatenspielen, den so genannten Slots, mit dem Aufkommen der Online-Casinos. Durch die Verlagerung in den virtuellen Raum standen den Spieleentwicklern umfangreicher Möglichkeiten zur Verfügung, um auch den Automatenspielen neues Leben einzuhauchen. Moderne Slots haben sich vom einfachen Walzenspiel zu komplexen Adventures entwickelt, die neben einer thematischen Einbettung mit den passenden Symbolen auch mit stimmungsvoller Hintergrundmusik aufwarten, die je nach Spielvariante das Zeug zum Soundtrack hat.

Die haben marktführende Spielefavoriten wie das kultige Book of Ra, Dragons Treasure, Zeus oder Spartacus im Programm. Diese Slots sind weit entfernt von den blinkenden Automatenspielen des letzten Jahrtausends. Sie präsentieren das Glücksspiel rund um die passende Kombination der Walzen in einem stimmungsvollen Gesamtkonzept, bei dem die musikalische Untermalung der Grafik in nichts nachsteht.

Spielmusik ist einfach anders

Spielmusik

Grafik und Sound ergeben in einem Computerspiel ein ästhetisches Gesamtkonzept, das in großem Umfang für den Erfolg eines Spieles verantwortlich ist. Viele wissenschaftliche Studien haben sich bereits mit der Wirkung von Musik in Filmen und Serien beschäftigt. Das Ergebnis ist eindeutig: Wenn Stimmung transportiert werden soll, ist Musik mindestens genauso wichtig wie die Darstellung der Schauspieler.

Im Computerspiel kommt der Musik eine nicht minder wichtige Rolle zu. Professor Christoph Klimmt, Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover führte 2016 eine Studie durch, bei der es um geht. Das Ergebnis: 15 Prozent der Probanden, die einzelne Spielsequenzen mit und ohne Musik durchspielen durften, gaben an, das Spielerlebnis mit Musik positiver empfunden zu haben. 18 Prozent fühlten sich durch die Hintergrundmusik intensiver in das Geschehen eingebunden. Insbesondere bedrohliche Stimmungen wie Angst, Grusel oder Stress ließen sich über die Musik gut transportieren und bereicherten das Spielerlebnis. Damit diese Stimmungen aber auch insgesamt als positiv und spielbereichernd empfunden werden, muss eine gewisse Affinität zu der Hintergrundthematik vorhanden sein. Wer mit Gruseleffekten wenig anfangen kann, wird sich auch durch den perfekten Gruselsoundtrack im Computerspiel wenig angesprochen fühlen.

Dennoch steht fest: Ohne Musik kommt auch im Computerspiel keine Stimmung auf. So mancher Gaming-Soundtrack ist sogar so beliebt, dass Fans ihn auch außerhalb des Spiels per Stream oder CD genießen. Und so manches Computerspiel verdankt seinen Kultstatus nicht zuletzt der Musik, die schon mit dem Einlogbildschirm echtes Ohrwurmpotenzial hat. Legendär ist zum Beispiel das Computerspiel GTA mit seinen Varianten Vice City und San Andreas, bei dem allein der begleitende Radiosound für manche Spieler schon ein Grund ist, um hin und wieder in den nicht mehr ganz so modernen Spieleklassiker einzuloggen.

Bildquelle:

Abbildung 1: @ Hermann (CCO-Lizenz) / pixabay.com

Abbildung 2: @ Florian Olivo / unsplash.com

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